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Call of Juarez  

Rückseite ]

Info
Autor 2+
 2
 1.5
 2.5
Gesamt (42 votes) 2+
 1.9
 1.4
 2.3
Team (2 votes, siehe hier)2+
Name:Call of Juarez
Genre: Egoshooter
Produkt: Vollversion
Release: 2006/09
Publisher: Ubisoft
Entwickler: Techland
Offiz. Sites: Game
Hardware: 2.4Ghz, 512MB RAM, 128 MB D3D T&L&PixSha., HD 2000 MB, Sound: DX zertifizierte Soundkarte
System: Win XP/2000, DX9
Steuerung: Maus/ Tastatur
Multiplay: Lan/ Internet
Sprache: Deutsch
zensiert: ja
Serie: ja
Patch: 1.1.1.0
Bemerkung: auch für Xbox360
USK: 18
Call of Juarez (review von yak)

"Der bisher beste Westernshooter!" schrieb ein großes deutsches Spielemagazin. Dass das nicht ganz so schwer ist, liegt sicher daran, dass man die Zahl der ernstzunehmenden Westernshooter an der Hand eines pensionierten Sägewerkbesitzers abzählen kann. Aber solche Schlagzeilen ist man als mediengeplagter Computerspieler gewohnt. Eigentlich merkwürdig, dass ein so ursprüngliches und naheliegendes Thema so selten eine Umsetzung als Computerspiel erfährt, bietet es sich doch förmlich an, sich in den virtuellen Sattel zu schwingen und die Daltons oder wen auch immer aus Dodge City zu vertreiben. Denkt man an richtige gelungene Westernshooter zurück, muss man schon einige Jahre zurückgehen, um bei LucasArts "Outlaws" anzugelangen, 3rd Person Shooter wie Gun oder Red Dead Revolver einmal außen vorgelassen - das eher dürftige Dead Man's Hand lassen wir mal beiseite und Redneck Rampage ist thematisch nicht ganz dem Genre zuzuordnen.

Also wurde es ja wirklich mal wieder Zeit, sich dem uramerikanischen Mythos anzunehmen und mit neuster Technik dem Wilden Westen Feuer unterm Hintern zu machen. Um natürlich einem so in den amerikanischen Urwurzeln verankertem Thema gerecht zu werden, kann sich natürlich nicht irgend ein beliebiges Entwicklungsstudio anmaßen, die Prärie zum Leben zu erwecken, damit der Staub John-Ford-like die Steppe vernebelt und die Sprüche des Heldens so markig wie von John Wayne erklingen... und darum wurde Call of Juarez auch in Polen entwickelt!

Hört sich fast so an, als ob der nächste Bond seinen Show-Down in Wanne Eickel hätte oder die X-Men statt der Freiheitsstatue die Stadthalle von Elmshorn vor atomarer Zerstörung bewahren müssten. Doch weit gefehlt. Was die Entwickler von Techland, die mich schon mit Chrome begeistern konnten, mit Call of Juarez in den Wilden Westen geschickt haben, kann sich wirklich sehen lassen.

Technik

Die Entwickler von Techland bauen wieder auf ihre eigene Technik und nutzen eine aktualisierte Chrome Engine, um den Wilden Westen zum Leben zu erwecken. Und die Chrome Engine in ihrer neusten Ausgabe vermag dies auch ausgezeichnet, leider aber noch hardwarehungriger, als damals beim Sci-Fi Shooter. Dafür ist Call of Juarez aber eine graphische Augenweide. Man kann die Prärieluft und das Abenteuer praktisch riechen, wenn man sich der kleinen Ortschaft im Tal nähert, die aus Brettern zusammengenagelt ist. Staub wirbelt umher, die Sonne flimmert über dem Boden, alles wirkt höchst authentisch, zumindest so, wie man sich die Zeit der amerikanischen Gründerjahre aus Filmen her vorstellt. Die Stadt, an der einzigen Strasse, flankiert vom Sheriffbüro, dem Sargbauer, einem Saloon und einem Gemischtwarenhandel. Die Luft scheint trocken und ausgedörrt, so wie das spröde Holz der Häuser. Die Entwickler haben hier einmalig verstanden, die Essenz dessen einzufangen, was man von einem Wild West Setting erwartet. Das beschränkt sich jedoch nicht nur auf die Umgebungsgraphik, die ziemlich alle Bereiche des thematisch zu Erwartenden abdeckt, so wie Canyons, Goldminen oder lagerfeuerbeleuchtete Banditenverstecke in den Bergen, sondern auch auf die Figuren, seien es die nett anzusehenden leichten Mädchen im Saloon, die Banditen oder der narbengesichtige Revolverprediger Ray. Man hat hier so viel Detailliebe einfließen lassen, dass die mit hohen Budget produzierten amerikanischen Mainstreamgames sich hier ein Beispiel nehmen sollten. So z. B. Details beim gottesfürchtigen, rach- und schießsüchtigen Revolverheld Ray. Betrachtet man seine Hände, so sieht man wirklich die Hände eines Charakters, der schon ewig das harte Leben an der Grenze gewohnt zu sein scheint, schwielig und mit Dreck unter den Fingernägeln, der dort schon sicher mehrfach Geburtstag feiern konnte. Klasse! Da ein Wild West Shooter nicht mit Super-Dooper-Plasmawaffen aufwarten kann, braucht man dennoch nicht auf gute Spezialeffekte verzichten. Tiefenunschärfe beim Zoomen oder wirklich dreidimensional wirkende Hitzeflimmer-, Rauch- und Staubeffekte können hier begeistern. Von stimmigen Licht- und Schattendarstellungen ganz zu schweigen. Selten hat man in einem Spiel eine so prächtige Vegetation zu sehen bekommen. Man glaubt wirklich, durch die Gräser und Wälder zu schreiten. Call of Juarez ist graphisch ein wirkliches Rundumsorglospaket geworden. Besonders die Darstellung der Gesichter, die bei Chrome noch wie Knetfiguren wirkten, gehören jetzt der Vergangenheit an. Die Sichtweiten sind großartig und es kommt schon ein erhebendes Gefühl auf, wenn man aus einem Waldstück den Pass heruntergeht und weiter unten die ersten Schemen der Stadt erkennen kann. Das alles hat aber einen hohen Preis, der hier schnell mit dem Wort "High-End-Hardware" umschrieben werden kann. Für alle Pracht braucht man schon ein wirklich neues und gut ausgestattetes "Gerät". Geblieben sind allerdings die langen Erstladezeiten pro Level. Hier kann man locker einmal ganz Western-like in der Ladepause Kaffee vom Feuer holen, mit den Kojoten heulen oder sein Gebiet neu markieren gehen. Speichern und Neuladen in einem bereits geladenen Level fällt hier wenigern zeitintensiv aus. Neu ist, dass im Vergleich zu Chrome jetzt auch innerhalb eines Levels nachgeladen werden muss, das aber meist an Stellen, an denen man ohnehin nicht mehr zurück muss, so z. B., wenn man einen Abhang herunterspringt, den man danach nicht mehr erklimmen kann. Das stört dann schon ein wenig das Mittendringefühl. Hier hatte Chrome die Nase vorne, denn dort wurden Level komplett im Speicher bereitgehalten. Zusammenfassen muss man aber sagen, dass Call of Juarez graphisch so atmosphärisch den Wilden Westen eingefangen hat, dass man sich nach dem Spielen fast instinktiv den Staub von den Klamotten schlagen möchte!

Der Sound steht dem nicht nach. Passende Ambientesounds sorgen für ein Mittendringefühl, wenn der Wind um die Ohren fegt, Grillen bei Nacht zirpen, ein Kojote einsam in der Wüste heult oder sich die rostige Schrottflinte Gehör verschafft. Dazu gibt es eine vorzügliche deutsche Synchronisation. Wenn der raubeinige Ray seine Bibelsprüche nach getaner Arbeit herunterbetet oder Billy die Kerze im Selbstgespräch seine Überlebenschancen ausrechnet. Sehr gelungen haben die Entwickler hier das Stilmittel der Monologe zum Einsatz gebracht, was ein eindeutiges Puls in der Erzählweise darstellt und auch die inneren Beweggründe der Protagonisten verdeutlicht. In Call of Juarez rennt die Hauptfigur nicht einfach wild ballernd durch die Gegend und nietet alles um, in Call of Juarez rennt die Hauptfigur mit einem Motiv wild umher und nietet alles um :-). Sehr gekonnt wird hier die Geschichte während des Spielens erzählt, was auch über die schon aus Chrome bekannten simplen Ladescreens mit Standbildern hinwegtröstet, die bei Call of Juarez immer noch vorhanden sind. Wobei man aber im Falle von Call of Juarez sagen muss, dass die Standbilder zwischen den Missionen und Ladescreens, begleitet von den zusätzlichen Monologen der Protagonisten, hier wirklich Atmosphäre schaffen, es wirkt hier viel mehr wie ein innerer Monolog und zeigt die Zerrissenheit der Figuren vielleicht besser, als jede andere Form der Präsentation. Wer das Spiel lieber in der englischen Sprache genießen will, kann dies nicht über das Menü (obwohl es im Handbuch so steht) tun, sondern muss manuell die englische Sprachdatei SpeechEng.pak in SpeechDe.pak umbenennen. Die englische Sprachfassung ist ebenso erstklassig umgesetzt und Reverend Ray hat hier zwar eine etwas andere Stimmlage, aber besonders im Finale zeigt sich die Güte des englischen Sprechers und liegt damit einen Tick besser als die trotzdem außergewöhnlich gute deutsche Stimme.

Die Musik ist, wie schon bei Chrome, wieder erstklassig umgesetzt. Der Komponist Pawel Blaszczak verzichtet auf die üblichen Italowestern-Morricone-Klons und hat eine höchst eigenständige Komposition geliefert, die nicht vor harten Actionstücken zurückschreckt, aber auch durch eine stimmige Orchestrierung, wie z. B. den Einsatz von einem Gitarrensolo oder einem Bariton, das Westernflair passend vermitteln kann. Actionmusik trifft auf mexikanischen Folk. Dazu wird die Musik noch dynamisch eingesetzt und Actionpassagen werden passend vertont. So sorgt die treibende Musik beim Spieler für den nötigen Adrenalinschub. Klasse!

Gesteuert wird Call of Juarez genreüblich frei konfigurierbar mit Maus und Tastatur. Gespeichert werden kann jederzeit, wobei das Spiel vor "kritischen" Szenen Autosaves anlegt. Schön auch die Option, sollte man einmal bei zeitkritischen Situationen das Spiel verbockt haben oder mit 1 Healthpunkt ins Finale gehen, so erlaubt die Neustartfunktion ein Rücksetzten zum letzten Kapitelunterpunkt. Es gibt drei Schwierigkeitsgrade, von denen der mittlere schon für Profis sehr fordernd sein kann. Wer Chrome jedoch auf "normal" gespielt hat, weiß, dass die Entwickler aus Polen beim Schwierigkeitsgrad alles andere als zimperlich sind :-).

Die deutsche Version, trotzdem sie USK18 bekommen hat, ist in der Gewaltdarstellung reduziert worden, Einschusslöcher und Bluteffekte wurden reduziert, was aber wirklich nicht sonderlich stört. Viele klassische Western kommen auch weitestgehend ohne Gorefest aus, wer jedoch eher einen Peckinpah Western erleben will, findet im Internet aber auch dafür mit kleinen Patchen einen Ausweg. Bugs konnten nicht festgestellt werden, jedoch gibt es im Handbuch ein paar absolute sinnfreie Übersetzungsfehler. (Wer ohne Google herausfindet, was "Gesheiden besturing" aktivieren bedeutet, bitte Info an mich ;), hört sich zumindest Holländisch an )

Gameplay

Über die Geschichte soll nicht viel verraten werden, Westernfreunde werden jedoch vollkommen auf ihre Kosten kommen, wenn es um Liebe, Verrat, Bleichgesichter, Goldschätze, Banditen, Farmerkrieg, Zugüberfall und Indianerangriffe geht. Techland bietet hier das volle Repertoire, eingebunden in eine spannende alles verbindende Geschichte um zwei ungleiche Protagonisten. Call of Juarez beschränkt sich vom Gameplay nicht nur darauf, ein "einfacher" Egoshooter zu sein. Das ergibt sich schon durch die zwei spielbaren Protagonisten, deren Spielablauf gänzlich anders verläuft. Da gibt es zunächst das Halbblut Billy, des Mordes an seiner Familie verdächtigt und auf der Flucht vor Reverend Ray, der kurzzeitig die Bibel aus der Hand legt, um den Mord an seinem Bruder zu rächen. Durch das in die Spielhandlung eingebundene Tutorial erlernt man als Spieler auch die einzelnen Fähigkeiten der beiden Figuren. Billy, ein junger und agiler Bursche, ist sehr gut darin, wenn es ums Schleichen, Klettern und Flucht ergreifen geht. So kann er sich fast lautlos an Feinden vorbeischleichen, kann an geeigneten Felswänden emporklettern oder auch die ein oder andere Kiste nutzen, um sich einen Weg auf eine höhere Ebene zu bauen. Dazu kommt später natürlich der Gebrauch von Waffen und einer Peitsche, die ihm, ganz Indiana-Jones-like, dabei behilflich ist, an einem Baumast zu schwingen oder sich daran emporzuziehen, um Abhänge zu überwinden oder auch um an ihnen herabzuklettern, wenn ein Sprung aus der Höhe zu gefährlich ausfallen würde. Natürlich kann Billy auch reiten und erlernt später noch den Einsatz von Pfeil und Bogen. Im Schiessen ist er aber nicht so gut, wie der bärbeißige Reverend Ray. Er scheint früher einmal ein bekannter Haudegen und Revolverheld gewesen zu sein, denn zweihändig bewaffnet entscheidet er so manchen Kampf zu seinen Gunsten. Er hat mehr Kraft als Billy und kann Türen eintreten, ist aber nicht so begabt im Klettern. Dafür steht ihm zeitweise eine Art Zeitlupe zur Verfügung. Zieht er vorher schnell beide Waffen, dann kann er für einen kurzen Moment aus beiden Waffen gezielte Schüsse auf die Gegner abfeuern. Das läuft aber nicht in dem ansonsten schon aus Shootern bekannten Zeitlupenprinzip ab. In Call of Juarez haben sich die Entwickler etwas Neues, anfangs recht Gewöhnungsbedürftiges, einfallen lassen, was sich aber nach ein paar Anwendungen prima spielen lässt. Die beiden Zielpunkte der Waffen laufen von den äußeren Seiten automatisch zur Mitte hin. Im Zentrum angelangt ist die Zeitlupe vorbei, doch Ray kann sich dabei weiterhin umsehen und muss die Zielkreuze auf die Feinde lenken und dann jeweils mit der rechten oder linken Waffe feuern. Das hört sich komplizierter an, als es ist, klappt aber recht gut und ist eine erfreuliche Abwechslung der sonst üblichen Zeitlupenmodi, besonders weil es dem Westerngenre sehr entgegenkommt und so wie ein schnelles Schiessen aus der Hüfte wirkt. Es erfordert ein wenig Übung und auch Planung, denn man muss vorher schon berechnen, wie man welche der Gegner am besten wann erwischt. Diese Balleroption ist jedoch nicht jederzeit verfügbar und muss sich erst wieder aufladen. Dazu gesellt sich noch bei einigen Waffen ein alternativer Feuermodus. So kann Ray dann zwar nur eine Waffen gleichzeitig nutzen, aber wenn der die jetzt freie Hand dazu nutzt, den Abzug in Windeseile zu betätigen, kann er die Banditen schon ganz schön unter Dauerfeuer legen. Natürlich kann Ray auch reiten und dabei selbstverständlich auch schießen, ganz so wie John Wayne in "Der Marshall". Das wirkt schon ausgesprochen cool, wenn er durch die Prärie reitet und die bösen Mexikaner vom Gaul ballert, während er eine Kutsche verfolgt.

Beide Figuren können zum genaueren Zielen in eine Art Zoommodus schalten, der das Geschehen etwas näher vor die Flinte bringt und so Headshots problemlos zu realisieren sind. Aber je nach Waffe ist ein hochpräzises Schiessen auch nicht nötig, so z. B. wenn man mit einer abgesägten Schrotflinte alles im Umfeld von den Beinen holt. Dafür verliert man zwar etwas Zeit, weil sie nur zwei Kugel fasst, aber von den Getroffenen steht sicher keiner mehr auf. Hier kommt eine taktische Komponente ins Spiel, denn je nach Situation ist es wichtig, welchen Waffentypus man nutzt, denn die Nachladezeit kann schon mal über Sieg oder Niederlage entscheiden. Es können zudem nicht beliebig viele Waffen getragen werden. Ray kann zwei Handwaffen und ein Gewehr tragen, Zudem nutzen sich Waffen ab. Ihr Zustand sollte ständig im Auge behalten werden, es kommt schon blöd, wenn einem das Gewehr letztendlich im ungelegensten Moment um die Ohren fliegt und der Schuss nach hinten los geht.

Call of Juarez spielt sich durch die beiden unterschiedlichen Figuren und ihren Eigenschaften daher erfrischend anders, als die Dauerballerorgien anderer Shooter. Die Figuren wechseln sich pro Episode ab und spielen Jäger und Gejagter. So bestreitet man mit Billy einen Teil und entkommt gerade noch so mit dem Zug, bevor der Reverend, der Billy jagt und zur Rechenschaft ziehen will, selbigen Zug verpasst. Das Interessante und abwechslungsreiche daran ist, dass sich diese unterschiedlichen Parts auch grundlegend anders spielen. Billy ist eher der Schleicher der beiden und geht Konfrontationen lieber aus dem Weg, nachvollziehbar, denn oft hat er nicht mal eine Waffe. So schleicht er vorsichtig durch ein Banditenlager, huscht im Dunkeln von Gebüsch zu Gebüsch, um ungesehen zu bleiben, lenkt die Ganoven ab, indem er den Pferden einen Klaps aufs Hinterteil gibt oder schlägt im Schutz von Donnerschlägen einen Feind mit der Peitsche nieder. Das sorgt schon für eine unglaubliche dichte Atmosphäre, wenn man im Gebüsch hockend den Blitzschlag abwartet, um im folgenden Donnerschlag ungehört zu bleiben, wenn man angreift. Ray ist das ganze Gegenteil, er lässt die Waffen und die Bibel sprechen, manchmal auch gleichzeitig, wenn er dabei ist, ein 100 Seelendorf in den zweistelligen Bereich zu predigen. Da geht's los mit der Schrotflinte oder Dynamitstangen, um sich Gehör zu verschaffen.

Es gibt aber auch noch kleine, feine Details, die Call of Juarez zu etwas Besonderem machen, Warum nicht mal eine Öllaterne in den Planwagen werfen, in dem ein Gegner sitzt. Das kleine Feuer, dass man, nachdem sich das Öl dort verteilt hat, entzündet, sorgt sicher dafür, dass er sich aus dem Versteck entfernt. Auch untersagt das Spiel, dass man auf tote Gegner oder Tiere schießt. Das erspart der USK Arbeit und den Westernhelden Munition, die zumindest für Billy sehr kostbar und selten ist. Die Aufgaben in den unterschiedlichen Episoden sind höchst abwechslungsreich gestaltet, drehen sich im Prinzip aber darum, dass der Reverend Billy verfolgt, weil er ihn für einen Mörder hält. Dass dabei Ausflüge in eine Mine, eine Verfolgungsjagd mit einer Kutsche, ein Zugüberfall und massig Schiessereien auf dem Programm stehen, ist vollkommen klar. Der Spielablauf ist zwar linear, doch die Level bieten genügend Freiheit, um den Eindruck zu erwecken, sich in einer realen Umgebung zu befinden. Sie sind zum Teil nicht so frei und großflächig angelegt, wie bei Chrome, doch man hat mit seltenen Ausnahmen nie das Gefühl, einen Tunnelshooter zu spielen, denn dafür sind einige Locations einfach viel zu bombastisch angelegt. So zum Beispiel die furiose Verfolgung der Kutsche mit einem Pferd, bei der man über weitläufige Areale galoppiert, Gegner aus dem Sattel schießt und sie im Steigbügel hängend hinter ihrem Pferd hergezogen werden. Aus der Kutsche werden Dynamitstangen geworfen, um den Verfolger abzuschütteln, nebenbei bricht ein riesige Brücke zusammen, Felsbrocken stürzen in den Canyon usw. Hier bekommt man richtig was für seine Peseten. Großartig! Warum nicht mal in der Mine eine kleine Lorenfahrt veranstalten, auch das geht in Call of Juarez und erinnert hier sehr an "Indiana Jones und der Tempel des Todes". Natürlich muss Ray auch gegen die Bandenbosse antreten und damit wären wir auch bei dem Duellmodus. Hier muss schnell die Waffe gezogen und gezielt werden, um siegreich im Kampf zu bestehen. Ray bietet somit insgesamt das shootertypischere Gameplay. Billy leidet zwar auch nicht an Actionarmut, doch in seinen Passagen kommt noch ein wenig Rätselkost hinzu. Hier mal einen Baumstamm anschubsen, den man als Brücke über einen Abhang nutzen kann oder den Weg auskundschaften, wie man ungesehen ins Farmerhaus gelangt, um seine Liebste zu treffen. Warum nicht mal dem Ackergaul einen Klaps versetzen, der sich dann träge in Bewegung setzt und man ihn so als Deckung nutzt, um das Feld zu durchqueren. Sehr schön gemacht wurde auch die Episode, in der Billy von einem alten Indianer unterwiesen wird. Hier lernt er das Jagen mit Pfeil und Bogen und soll schließlich auf einem Berggipfel die Feder eines Adlers holen. Absolut genreuntypisch reitet man da durch die Berge und Wälder und macht sich auf, den Gipfel zu erklimmen, was schon locker eine halbe Stunde in Anspruch nehmen kann. Dann stellt man sich einfach mal oben hin und betrachtet das Panorama und die Weite des Landes. Klasse! Warum einige Reviewer dies als langweilig empfunden haben, ist mir unverständlich. Für mich kam hier fast ein wenig "Shadow of the Colossus" Feeling auf. Ich wünschte, einige Entwickler würden mehr solcher "Abschweifungen" integrieren. Für mich hat das die Gesamtstimmung des Games höchst positiv beeinflusst.

Gekonnt hat man auch ein paar Physikeffekte eingebunden, wenn man z. B. auf einer Bretterwippe ein paar Kisten als Gegengewicht deponiert, damit man sie passieren konnte. Schön auch die "Ragdolls", wenn man eine böse Klapperschlange mit der Peitsche erledigt hatte, dann kullerte sie mausetot absolut realitätsnah den Berghang hinunter.

Die KI der Gegenspieler ist in Ordnung, jedoch macht Call of Juarez es schwer, sie mit dem Vorgänger Chrome zu vergleichen, da sie hier eher vorgeskriptet erscheinen, was aber bei dem recht storylastigen Game nachzuvollziehen ist. Wenn man ein Sheriffbüro stürmen soll, dann erwartet man schließlich nicht, dass sie rauskommen und draußen den Fight veranstalten. Wenn man weiß, dass auf dem Saloondach Scharfschützen sitzen, dann sollen sie auch dort bleiben und das tun, wofür er auch bezahlt wurden. Die Gegner in Call of Juarez wirken daher nicht ganz so mobil, dumm sind sie aber keinesfalls. Sie treffen auf Entfernung genau so gut wie ihre "Chrome-Brüder", gehen in Deckung und können auch geschickt mit Dynamit umgehen, wenn man zu lange in einem Hinterhalt verbleibt und nur feige um die Ecke linst. Insgesamt sehr fordernd und stimmig, wenn auch taktisch nicht so anspruchsvoll wie bei Chrome.

Nett und recht krank sind die Bonusgegenstände in Form von Steckbriefen, die in Kisten zu finden sind. Hier findet man die Entwickler mit höchst lustigen und ironischen Sprüchen wieder. Extrem lesenswert!

Zu kritisieren gibt es an Call of Juarez eigentlich wenig. Gewünscht hätte ich mit vielleicht die Option, mit Billys Peitsche Gegner entwaffnen zu können. Etwas kurz gekommen sind die möglichen Faustkämpfe, aber darüber bin ich eigentlich recht froh, denn das ist nicht unbedingt mein Ding gewesen ;-)

Mehrspielermodus

Call of Juarez bietet mit aktuellem Map-Nachschub jetzt insgesamt 16 Karten, die in allen Modi spielbar sind. Leider scheint Call of Juarez nicht so der Online-Renner, denn offene Server und teilnehmende Spieler sind selten und insgesamt sind nur so um die 40 Spieler zu finden, der Großteil davon ohnehin nur in der Mehrspielerdemo. So fühlt man sich in den gut und atmosphärischen, zum Teil sehr großflächig angelegten Levels leider eher wie der Alm Öhi oder "Der Mann in den Bergen". Es gibt vier Mehrspielervarianten: Skirmish, Goldfieber, Raubüberfall und Deathmatch, die aber allesamt nur Varianten bekannter Mehrspielertypen sind.

Fazit

Tja liebe amerikanische Spieleentwickler, da muss erst ein Team aus Polen kommen, um zu zeigen, wie man den Wilden West auf den Bildschirm zaubert. Call of Juarez ist ein absolut spannendes und herausforderndes Spielerlebnis geworden. Eine mitreißende Story und die interessanten Wendungen im Spielverlauf, die schon durch die beiden sehr unterschiedlich zu spielenden Figuren für die nötige Abwechslung sorgen, machen den Wild West Shooter von Techland zu einer gelungenen Abwendung der viel zu bekannten Spielabläufe der Mainstream und "Tunnelshooter", der dennoch insgesamt sehr zugänglich bleibt. Interessante Schleicheinlagen, spannende Missionen, Kletterpartien, Verfolgungsjagden auf galoppierenden Pferden, Liebe, Hass, Verrat, Zugüberfall, Schiessereien und Duelle, das alles bekommt man mit Call of Juarez während der gut 15-17 Stunden Spielzeit, bis das Spiel dann in einem wirklich grandios inszenierten Finale endet. In erstklassiger technischer Präsentation wird der Wilde Westen zum Leben erweckt, so dass man nach dem Spielen förmlich den Spucknapf für die Kautabakreste sucht. Einziger Nachteil sich die wirklich hohen Hardwareanforderungen, um das Spiel in voller Pracht genießen zu können. Nach Chrome haben die Entwickler von Techland erneut ein erstklassiges Spiel abgeliefert, das in keiner Sammlung fehlen sollte. Techland hat ein paar schöne neue Impulse im ansonsten Gameplay-stagnierenden Shootergenre setzen können.


Geschrieben am 13.12.2006, Testkonfiguration: Intel Dual Core E6600, Geforce 7950GT, 2GB RAM, Creative X-Fi Extreme
 



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