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Benny Oschmann  


Name:Benny Oschmann - Unwritten Tales Soundtrack
Offiz. Sites: Game
Links: Benny Oschmann
Benny Oschmann - Unwritten Tales Soundtrack (interview von yak)

Längere Zeit war es still in unserer Interviewreihe über Spielmusik. Das hat natürlich nicht ursächlich den Grund Faulheit, sondern liegt zum Teil auch daran, dass ich im Moment in der Spielebranche ein ähnliches Problem sehe, wie in der Filmbranche. Vieles klingt gleich und austauschbar, viel Crash und Boom, Hauptsache alle Musiker spielen zu gleichen Zeit. Eine Mitschuld daran trägt der Erfolg eines Filmes, denn Hollywood kopiert einfach ein "bewährtes" Rezept, egal ob die Musik aus einem Piratenfilm stammt oder aus einem Action-Thriller. "Fluch der Karibik" war ein Kassenschlager, ok, dann kopieren wir hieraus soviel wie möglich - bei der Musik ist das noch am einfachsten - aber leider nicht immer passend. Da muss man sich dann nicht wundern, wenn die Musik in Filmen fast austauschbar erscheint.

Die Zeiten, in denen man noch das Filmszenario an der Musik erkennen konnte, sind vorbei. Früher konnte man sehr wohl schon an der Musik hören, ob man mit Hilfe von Robert Farnon als Captain Hornblower über die Meere segelt, E.W. Korngold Errol Flynn als "Herr der sieben Meere" ans Steuerrad versetzte, Christopher Gordon die Segel der Pequod straffte oder Jerry Goldsmith mit den sonargleichen Klängen in "Leviathan" zur Tauchfahrt einlud.

Das liegt wohl leider auch daran, dass die meisten erstklassigen Filmkomponisten nicht mehr unter uns sind und guter Nachwuchs sich fast an einer Hand abzählen lässt. Bis vor einiger Zeit machten da TV Produktionen noch die Ausnahme und auch Spiele hatten hier einen etwas eigenständigeren Eindruck hinterlassen. Im Moment kann ich das aber nicht mehr erkennen. Das liegt sicher nicht nur an den Fähigkeiten der Komponisten, sondern sicher auch an den Vorgaben der Produzenten. Ein WW2 Shooter hat wohl den obligatorischen Williams "Private Ryan" Temptrack, durchflochten vom coplandischen Americana Stil und Fantasygames kommen scheinbar nicht ohne Shore's "Herr der Ringe" aus. Und das ist auch der Grund, warum es bei uns diesbezüglich etwas stiller geworden ist. Es macht wenig Spaß, über etwas zu berichten, hinter dem man nicht steht. Die Qualifikationen der Komponisten einmal außen vor, aber wenn ich nur das zu Gehör bekomme, was ich im Prinzip schon fast nicht mehr hören kann, warum dann noch darüber schreiben ?

Doch da passierte am Wochenende folgendes: Ich surfte ein wenig durchs Netz, auf der Suche nach anstehenden Neuveröffentlichungen und potentiellen Reviewkandidaten, als ich bei "Unwritten Tales" landete. Ein scheinbar lustiges Fantasy-Adventure. Ein wenig hin und her geklickt und zum Glück hatte ich Sound an, was in der Regel beim Surfen nicht der Fall ist. Und was ich da zu hören bekam, war eindeutig mal etwas anderes. Erstmal: Gott sei Dank kein Hans Zimmer Klone in der x-ten Inkarnation. Hier hat jemand mal andere musikalische Vorbilder, als die üblichen Verdächtigen. Das Hauthema hat die Dynamik und den Drive von Marc Shaimans "City Slicker", es gibt Themen, die an den ruhigen, melancholischen Americana Stil von Bruce Broughton erinnern, ebenso Einlagen seiner Tiny Toons-Comic-Extravaganzen, oder auch Actionpassagen in Richtung Alan Silvestri, dann wiederr romantisch, lyrische Themen, wie Alan Menken sie für die Disneyfilme komponiert hat, gewürzt mit ein wenig Williams Harry Potter. Keine schlechten Vorbilder und zum Glück besitzt die Komposition genügend Eigenständigkeit, so dass der Vorwurf eines Plagiat hier nicht gemacht werden kann. Vorbilder hat jeder! Was wäre Goldsmith ohne Ravel und Bartok und was wäre Christopher Young ohne Goldsmith? Man orientiert sich halt an den besten und genau das hat er getan, ja wer eigentlich? Die Frage stand ja noch offen.

Also den Spieleentwickler kontaktiert und kurz danach hatte der Komponist einen Namen (ok, den hatte vorher sicher auch schon ;)): Benny Oschmann

Und da mir die Musik ausgesprochen gut gefallen hat, hier seit langer Schweigezeit ein Interview mit einem (nicht nur) Spielekomponisten.

Hallo Benny, danke dass Du Zeit für uns hast und uns einige Fragen zur Entwicklung des Soundtracks "The Book of Unwritten Tales" und zu deinem Werdegang beantwortest. Wie bist Du zur Musik gekommen und wie verlief Deine musikalische Ausbildung und der "Erstkontakt" zur Spielemusik!

Als Kind hatte ich bereits Gitarrenunterricht und die üblichen Träume vom Popstar. Später habe ich dann die Richtung gewechselt und mit Trompete begonnen. Irgendwann war ich dann daran interessiert, wie ein Musikstück aufgebaut ist und wie man komponiert. Mit diversen Theoriebüchern eignete ich mir ein Basiswissen an und es folgten die ersten kleineren Kompositionen. Über die letzten Jahre konnte ich einige Erfahrung sammeln und mittlerweile studiere ich in Kassel Trompete und Komposition. Meine ersten "Berührungen" mit Spielemusik waren wohl die "Final Fantasy"-Spiele (besonders 7,8 und 9), welche ich damals unglaublich toll fand. Davor war ich allerdings auch schon ein großer Filmmusikfan.

Wie bist Du an den Auftrag gekommen, die Musik zu "Unwritten Tales" zu komponieren.

Die Jungs von KING Art sind durch ein Webprofil von mir auf mich gekommen, fanden meine Sachen gut und haben mich gefragt, ob ich Lust hätte für ein witziges Adventure Musik zu schreiben. Nachdem ich ein paar Demos geschrieben hatte, war ich auch schon engagiert.

Wer sind Deine musikalischen Vorbilder?

Da gibt es einige. Auf der einen Seite natürlich sämtliche Größen der Filmmusik, besonders Alan Silvestri, James Horner oder James Newton Howard (John Williams und Jerry Goldsmith brauche ich ja gar nicht zu erwähnen). Andererseits bin ich ein großer Fan von Musicals (Leonard Bernstein, Alan Menken, Stephen Schwartz) und natürlich von klassischer Musik.

Wie lange hat die Entwickung des Soundtracks zum Spiel gedauert, wie wurde es technisch umgesetzt, gab es Live Musiker?

Ich hatte das große Glück, dass ich relativ früh in das Projekt mit einbezogen wurde, so dass ich fast ein Jahr an dem Soundtrack arbeiten konnte und es nie wirklich stressig wurde. Die Musik wurde komplett am Rechner mit diversen Sample Libraries produziert, bis auf ein paar wenige Passagen, bei denen wir echte Blechbläser aufnahmen.

Wurden die Livemusiker eingesetzt, um den immer noch etwas synthetisch klingenden Sample-Sound natürlicher erscheinen zu lassen?

Ja. Besonders Blechbläser sind sehr schwer zu simulieren und schon erwähnt, spiele ich ja selber Trompete. Zusammen mit ein paar Bekannten habe ich dann echte Trompeten und Hörner aufgenommen und konnte diese dann in die gesampleten Stücke (z. B. die Main Titles) integrieren.

Hättest Du den Score gerne mit einem vollen Orchester aufgenommen?

Ja, unbedingt! Aber leider lässt das Budget das oftmals nicht zu, wie auch bei Book of Unwritten Tales (BOUT). Durch die wenigen Live-Instrumente, die wir aufgenommen haben, bin ich aber dennoch ziemlich zufrieden mit dem Sound.

Wieviel freie Hand hattest Du bei der Entscheidung der Musikstilrichtung gab es Temptracks oder Vorgaben der Entwickler?

Von Anfang an wollten KING Art und HMH keinen Hans-Zimmer-Orchester-Bombast. Dieser Stil funktioniert hervorragend in manchen Spielen und Filmen, aber hier war es einfach nicht angebracht. Trotzdem wollte ich einen schönen Orchesterklang, der sich eher an den klassischen Abenteuer-Musiken orientiert. Man hat mir da wirklich viel Handlungsspielraum gelassen und echte Temptracks gab es gar nicht. Allerdings war es von Anfang an der Wunsch der Entwickler, dass die Musik nicht nur das Geschehen begleiten soll, sondern auch durchaus einen eigenen, einprägsamen Charakter aufzeigen sollte.

Temptacks, Fluch oder Segen?

Sowohl als auch. Temptracks schränken oftmals sehr ein und man schafft es nur schwer den Entwickler mit seinen eigenen Ideen zu überzeugen. Andererseits sind Temptracks hilfreich für Entwickler, die vielleicht nicht so gut ausdrücken können was sie sich musikalisch vorstellen.

Wie bist du bei der Vielzahl der Charaktere vorgegangen, Themen und passende Instrumente für die Figuren oder Stimmungen zu finden?

Das ist eine schwierige Frage. Oftmals gelingt das einem z. B. über Charakter- oder Ortsbeschreibungen. Man versucht sich klarzumachen, welche typischen Merkmale man durch die Musik herausstellen will, eine Art "Worauf will ich hinaus?". Eine der Hauptfiguren in BOUT, Wilbur, gehört z. B. dem Gnomenvolk an, welches für verrückte Erfindungen und dem geschickten Umgang mit Technik bekannt ist. Dieser "technische" Charakter dominiert Wilbur's Thema, welches im Gnomenbau gespielt wird. Hinzu kommt der leicht drollige Charakter von Wilbur, den ich versucht habe in die Melodie miteinzuarbeiten. Oftmals sind es eben ganz elementare Attribute, die einen dann inspirieren.

Wie bist Du das Problem angegangen, dass man für ein Adventure andere musikalische Voraussetzungen erfüllen muss, als bei einem Actionspiel. In einem Adventure kann es sein, dass der Spieler 2 Stunden im gleichen Raum "festhängt", da würden ständige Wiederholungen schnell nervig?

Für ein paar Szenarien, in denen man sich vielleicht länger aufhält, habe ich eine zweite Alternativ-Version geschrieben, so dass es sich nicht zu oft wiederholen dürfte. Ansonsten haben wir insgesamt wenig geloopt, so dass sich Musik und Geräuschkulisse eigentlich immer sehr schön abwechseln können.

Die Musik spiegelt auch sehr viel comichaften Charme wieder und klingt stellenweise wie aus einem Cartoon dann gibt es wieder groß und episch angelegte Stücke. Das Spiel scheint Dir hier als Komponisten viel Freiraum gegeben zu haben?

Ja, das hat großen Spaß gemacht! Es gibt eine Menge solcher Cartoon-Passagen, die stellenweise sogar klassisches "Mickey Mousing" beinhalten. Solche Stücke sind sehr aufwändig zu schreiben, weil es so viele Aktionen gibt, die musikalisch unterstützt werden müssen, machen aber auch unheimlich viel Spaß. Übrigens haben wir auch noch ein paar witzige Anspielungen in der Musik: Es gibt z. B. eine Szene in der Wilbur sein Magierdiplom machen muss und dafür einen Zaubertrick vorführen muss. Da konnte ich mir eine kleine Harry-Potter-Hommage natürlich nicht verkneifen. In einer anderen Szene parodieren wir Bernard Herrmann's Musik aus Psycho. Ich will aber nicht zuviel verraten ;)

Einige Stücke sind musikalische Parodien. Wie vermeidest Du, dass sie nur von Musikinsidern als solche erkannt werden? Es muss ja vorausgesetzt werden, dass der Bekanntheitsgrad hoch genug ist?

Herrmann's Psycho erwähnte ich ja bereits, aber selbst wenn man das Original mal nicht kennt, wirken diese Parodien lustig. Ein Beispiel dafür ist eine Liebesszene im Spiel, bei der KING Art eine schnulzige Musik wie aus einem alten Film wollte. Dafür komponierte ich dann eben ein Stück im "Golden Age"-Stil à la "Casablanca". Filmmusikkenner erkennen diese Anspielung vermutlich sofort, aber auch bei allen Anderen kommt der schnulzige, kitschige Effekt an.

Du konntest also auch dem ohnehin schon lustigen Adventure nachträglich noch einige musikalische Gags verpassen?

Ja. Bei BOUT war es tatsächlich so, dass jeder aus dem Team seine kleinen Gags eingebaut hat. Sei es im Design, in der Story oder eben in der Musik. Ich denke, letztendlich macht das den großen Charme des Spiels aus.

Muss man ein humorvoller Mensch sein, um etwas Humorvolles zu erschaffen?

Ich denke schon. Bei BOUT habe ich eine Menge verrückter Ideen eingebaut, bei denen ich mir manchmal nicht sicher war, ob es vielleicht doch ein bisschen zu sehr "over-the-top" war ;) Ob das nun irgendwelche seltsamen Musikeffekte, wie Trillerpfeifen in Wilbur's Thema oder ganze Stücke, wie eine eigens für eine Tanzszene komponierte Polka mit bayrischen Touch sind. Sicherlich braucht man da eine Portion Humor, darf es aber nie übertreiben.

Gab es Schwierigkeiten bei der Entwicklung?

Wenige. Wenn es welche gab, waren das die üblichen Startprobleme. (keine Einfälle) Wenn man dann einmal einen Ansatz gefunden hat, geht es schnell. Ansonsten war es aufgrund der langen Zeit, die ich an dem Projekt arbeiten konnte, wirklich sehr unproblematisch.

Was für Wünsche hatten die Entwickler bzgl. der Musik, wie konntest Du sie umsetzten?

Wie bereits gesagt, sollte die Musik möglichst einprägsam sein. Wenn dies nicht über eine markante Melodie geschieht, ist es ein prägender Rhythmus, ein bestimmter Sound oder irgendetwas Ungewöhnliches, was das "Einprägsame" ausmacht. Ein konkreter Wunsch der Entwickler war beispielsweise auch das Thema des Zwergenkellermeisters. Dafür sollte ich die Melodie aus Grieg's "In der Halle des Bergkönigs" adaptieren. Funktioniert großartig, weil es jeder kennt!

Liegt der Hauptteil der Musik in der Ingamemusik oder in den Zwischensequenzen?

Das ist etwa 50:50 verteilt. In der Ingamemusik hatte ich die Möglichkeit die Themen vorzustellen und längere Passagen zu komponieren. Die Zwischensequenzen greifen dann meist dieses Themenmaterial auf und verarbeiten es.

Welches ist Dein Lieblingsstück geworden, auf das Du besonders stolz bist und warum?

Zu viele, um sie hier aufzuzählen. Allerdings war Wilbur's Thema eines der ersten, die ich für BOUT geschrieben habe und ist immer noch eines meiner Lieblinge.

Wie sind mittlerweile die technischen Möglichkeiten, ein Liveorchester mit Samples zu imitieren? Hast Du ein Geheimrezept?

Nein, da gibt es leider kein Geheimrezept. Jeder hat da seine eigenen Methoden. Elementar ist jedoch ein fundiertes Instrumentierungs-Wissen. Wenn man weiß, wie man für ein reales Orchester schreibt, dann ist der Rest nur noch Produktionssache.

Wieviel Minuten hast Du für den Gesamtsoundtrack aufgenommen?

Es sind insgesamt ungefähr 50 Minuten mit über 40 Tracks.

Besteht die Chance einer CD-Soundtrack Veröffentlichung?

Bisher gibt es leider keine Pläne. Ich hoffe jedoch auf eine Special Edition mit Soundtrack-CD!

Stehen bereits neue Spielsoundtrackprojekte auf dem Plan?

Momentan arbeite ich an einem animierten Kurzfilm. Ich würde mich aber über ein weiteres Spieleprojekt freuen.

Spielst Du selbst noch Computerspiele ? Favoriten?

Gelegentlich. Mein Favorit ist "Mafia"! Ich freu' mich schon auf den zweiten Teil :)

Welches Spiel hättest Du gerne vertont?

Einen Final Fantasy Titel.

Lieblingsspielesoundtrack, Filmscore?

Gamesoundtrack: Final Fantasy 8 und alle Final Fantasy Orchesterarrangements

Filmsoundtrack: Unendlich viele…

Gibt es noch etwas, was Du unseren Lesern sagen möchtest?

Ich möchte mich bei all denjenigen bedanken, die sich für das Thema Musik in Spielen/Filmen interessieren und ich hoffe ihr konntet einen kleinen Einblick in meine Arbeit gewinnen.

Danke für das Interview, Benny, und wir hoffen, bald wieder in vielen Spielen von Dir zu hören. Viel Erfolg für die Zukunft!

Hier geht es zu unserem Spielereview zu The Book of Unwritten Tales


 
MP3 Soundtrack Samples:
- The Book of Unwritten Tales - Suite
- Wilburs Theme aus The Book of Unwritten Tales

Wir danken KING ART und HMH für die freundliche Genehmigung zur Bereitstellung der Musiksamples




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