Einleitung Eine SF-Geschichte   Auf dem Weg nach Sonnenfurt Lost Frame? - YiYa's Home

Erde, Los Angeles

Das ist das Universum. So mordsriesig, mit seinen Myriaden von Galaxien, Sternen, Welten...

...und Bewohnern...

...sollte es eigentlich absolut pompös, wie eine Schwarze Wolke mit Milliarden und Abermilliarden von wunderschön funkelnden Lichtpunkten aussehen...

Tut es aber nicht.

Tatsächlich wirkt es von außen wie ein aufgedunsener Ballon mit einigen milchigen Schlieren drin; insgesamt äußerst enttäuschend.
Moment mal... von außen? Das Universum enthält doch schon alles... was ist außerhalb davon? Nichts? Leerer Raum? Himmel und Hölle, oder irgendwelche anderen Fantasiereiche? Andere Universen? Nun, der cheldronische Philosoph Zertil Kamik Olka Jedossos hat sich einst folgendermaßen dazu geäußert: "Grmbhl."

Einige seiner Gegner behaupteten zwar, das könne als philosophischer Kommentar nicht gelten, aber da alle Kommentare Jedossos‘ so klangen ( einige Zweifler meinen heute tatsächlich, er wäre verrückt gewesen ) fiel das nicht weiter auf.


Mal wieder auf dem kleinen, unbedeutendem Klumpen Lehm, den wir alle als Erde kennen...

Jemand ist inmitten des Stadtzentrums von Los Angeles auf der Flucht. Verfolgt wird er von zwei älteren Polizisten, welche nur noch zwei Monate von der Pensionierung trennen... In seinen Händen hält er ein Paket, während er mit vor Wut verzerrtem Gesicht die Straße herunter rennt. Unterwegs ist er zum Raumhafen der Stadt, welcher wirklich ein Hafen ist; denn dort liegen Hunderte von Raumschiffen vor Anker, Frachter, Schlachtschiffe, Urlaubskreuzer und andere, wie zum Beispiel der persönliche Raumkreuzer des texanischen Ölmagnaten Frederick T. Winkle, die siebte Flugstaffel der amerikanischen Sol Hunter-Flotte, und andere... Mittlerweile haben die beiden Polizisten die Verfolgung aufgegeben. Unser Flüchtling merkt nichts davon- er rennt weiter. Erst am Raumhafen merkt er es, als er vor Erschöpfung aufgeben will. Fluchend geht er weiter und klemmt sich das Paket unter den Arm. Nach einer halben Stunde hat er sein Schiff endlich gefunden und steigt ein. Begrüßt wird er von einer mechanischen Stimme:

"Willkommen zu Hause an Bord der Greenvalley, Captain Ark Doyle."

"Klappe."

"Klappe konnte nicht gefunden werden. Bitte Anfrage neu formulieren."

Seufzend ging Doyle weiter. Die Greenvalley war ein leicht heruntergekommenes Schiff der M-Transporterklasse, wer genaueres darüber wissen will kann im Anhang Informationen dazu bekommen. Wer jedoch erwartet, dass die Greenvalley das Weltraum-Äquivalent zu einem ölverschmierten, schmutzigen Frachtkahn ist, hat sich geirrt: vergleichen sie das Schiff eher mit einem Eigenheim, das mit einem Frachtraum ausgestattet ist und mit halber Lichtgeschwindigkeit durchs All rast. Ausgestattet mit vier Schlafzimmern, einem Gemeinschaftsraum, Küche, Speisesaal, Brücke und einem Aussichtsturm kann man die Greenvalley durchaus gemütlich nennen, vor allem weil nichts steril wirkt, sondern praktisch jeder Raum aus unerfindlichen Gründen mit einem geschmacklosen Teppich und grässlichen holzbraunen Tapeten geschmückt ist. Dann wären da natürlich noch die unzählbaren persönlichen kleinen Schätze der vierköpfigen Crew, die übrigens aus zwei Menschen –darunter Doyle- und... na ja, dazu kommen wir später. Jedenfalls war das erste, was Doyle nach dieser Verfolgungsjagd ansteuerte, sein Schlafzimmer. Er warf das Päckchen auf sein Bett, setzte sich in seinen Sessel und aktivierte den elektrischen Kamin. Dann nahm er sich ein Buch aus seinem persönlichen Bücherschrank und begann darin zu lesen. Aber wie es halt immer ist, wenn man es sich gerade gemütlich gemacht hat, tönte plötzlich eine weibliche Stimme aus den Lautsprechern durchs ganze Schiff:

"Achtung! Nun, da der Captain an Bord ist, werden wir in fünf Minuten starten! Macht euch bereit zum... Hey, was soll das? Lass los!" - ein Ächzen, dann ein Fluch- "...versuch das noch einmal, Olak, und ich stecke dir das Mikrofon dahin, wo die Sonne nicht scheint, damit das ein für alle Mal klar ist!"

"Was? Wozu willst du das Mikrofon auf Plato zurücklassen?"

"Es heißt Pluto, Olak, Pluto! Na, egal. Also von vorn... wir starten in fünf... nein, wir wären vor zwei Minuten gestartet, also dann eben in noch mal fünf Minuten, danke Olak..."

Doyle seufzte. Li Hamanashi, 25-jährige japanische Schönheit, Pilotin des Schiffes und ehemalige Harvard-Studentin, kam einfach nicht mit anderen Spezies zurecht. Obwohl Doyle eigentlich niemanden kannte, der mit Cheldroniis in irgendeiner Weise gut zurechtkam...

Wie will man auch mit einer gewalttätigen, 1,30 großen, mit Knopfaugen ausgestatten Spezies, die nicht mal die grundlegendsten Regeln des Universums beachten wollten, vernünftig sprechen? dache sich Doyle insgeheim, als leichte Erschütterungen durchs Schiff gingen; es startete. Der erste Kontakt zwischen Menschen und Cheldroniis –das war der Name, der auf der Erde benutzt wurde; sie selbst nannten sich "Semeloss" – war in eine Katastrophe ausgeartet: fünf Minuten nach der freundschaftlichen Begrüßung seitens der Cheldroniis wurde der Krieg gegen sämtliche Staaten der Erde ausgerufen.

Das war zwar mittlerweile mehr als 400 Jahre her, 2076, um genau zu sein, aber manche Wunden heilen eben nie. Als wesentlich netter, allerdings auch nerviger erwiesen sich die Dracil, oder besser gesagt die Gardasianer- Gardasia war einer der größten Staaten auf Dlek, der Heimatwelt der Dracil, echsenähnlicher, 1,90 m großer Kreaturen- , da Gardasia sich als Theokratie (Nation, die von einem religiösen Oberhaupt gelenkt wird, ein wenig so wie der Vatikan, halt bloß größer) entpuppte. Inzwischen lebten mehr als 20 Millionen Dracil, davon die Hälfte Gardasianer, auf der Erde, und ein Zehntel von dieser Hälfte bestand aus Missionaren, welche ständig von dem großartigen und allmächtigen Gott Gelrim predigten. Doyle stand auf und sah aus dem Fenster. Auch wenn die Erde immer noch ein chaotischer, quirliger Ameisenhaufen war- aus einigen hundert Kilometern Höhe sah sie immer noch wunderschön aus.


Eine halbe Stunde später im Gemeinschaftsraum...

Die ganze Crew war um das Paket versammelt: Doyle, Li, Olak und Hassa Ratsol, das vierte Crewmitglied. Ein Gardasianer, ebenso gottesfürchtig wie seine Mitdracil, allerdings von der ruhigen Sorte, das heißt nicht-predigend.

"Und nun... öffne ich das Paket!", erklärte Doyle feierlich und hob das Paket hoch.

"Sei endlich ruhig und mach es endlich, bevor Olak noch vor Aufregung platzt." meinte Li kühl und tätschelte dem aufgeregten Olak vorsichtig den Kopf.

Doyle brummte und öffnete das Paket beleidigt. Und holte einen Mixer heraus.

"Traurig... wir haben nicht mal mehr genug Geld, um uns einen Mixer zu leisten." meinte Li verstimmt.

"Ruhe! Unsere Finanzlage mag im Moment etwas, äh, angespannt wirken, aber der Eindruck täuscht! Wir sind weiterhin finanziell unabhängig, haben unser eigenes Schiff und können uns vor Aufträgen kaum retten!" rief Hassa, seines Zeichens Finanzplaner und Rechtsanwalt des Schiffes.

"Was denn für Aufträge?"

"Naja... da wäre die Lieferung von 140 Kisten Computerersatzteile nach Dlek, im Auftrag der Firma Kaleo Electronics, für 12.000 Dollar..."

"Gestern abgewiesen. Die haben jemand gefunden, der billiger ist."

"Dann dieses eine Unternehmen, wie hieß es noch mal, ihr wisst schon, für die wir diese geschmacklosen Hundefiguren herumkarren sollen..."

"Sind gestern pleite gegangen." meinte Olak fröhlich.

"Und was ist mit..."

"Tut mir leid. Gestern aufgekauft vom Microsoft Imperium." Hassa ließ seinen schuppenbesetzten Kopf hängen. "Wenn ihr mich sucht... ich gehe in die Luftschleuse und lasse mich dort vom Druck zerquetschen" meinte er dann und trottete davon. "Viel Spaß!" murmelte Doyle geistesabwesend und wendete sich dann Li und Olak zu.

"Na schön. Jetzt ist entweder sparen angesagt..." Entsetzen spiegelte sich in Lis und Olaks Gesicht wider. "... oder wir finden so schnell wie möglich einen neuen Auftrag."

"Ich wüsste da was... die cheldronische Weltgemeinschaft sucht nach Piloten, die irgend so ein Ding transportieren sollen. Gibt viel Geld dafür... und trotzdem will keiner den Job haben. Unser Glück, oder?" meinte Olak fröhlich.

"Wieso will keiner den Auftrag haben? Ist da irgendein Haken?"

"Haken? Was für ein Haken? Ich sehe keinen..." erwiderte Olak verwirrt; Cheldroniis kamen nicht sehr gut mit Sprichwörtern zurecht.

"Ich meine, ist bei diesem Auftrag irgendetwas gefährliches oder so?" sagte Li entnervt.

"Nein."

"Ich meine für Menschen gefährlich!"

"Oh. Ja, kann sein. Sogar ziemlich sicher. Merkwürdig ist auch noch, dass die CWG nur andere Völker den Job machen lassen will... Cheldroniis dürfen ihn nicht annehmen."

"Um was geht es denn überhaupt?"

Olak senkte die Stimme. "Personentransport."

"Was für Personen? Schwerverbrecher, Terroristen, Wahnsinnige..." hakte Li beharrlich nach. Olak seufzte und sagte dann:

"Frej Jassos Telir Demonos."

"Wie bitte?"

"Frej Jassos..."

"Ja, ich weiß, aber was heißt das?"

"Oh. Nun, das ist der Name des wahrscheinlich intelligentesten Wissenschaftlers der gesamten uns bekannten Galaxie. Ist für seine extrem gefährlichen Experimente bekannt und dafür, dass er nie aufgibt, sehr zum Leidwesen seiner Mit-Cheldroniis. War am großen Äquatorialbrand auf Chana vor fünfzehn Jahren schuld. Danach sagte er: ‚Tut mir leid. Echt.’ Wurde bis in alle Ewigkeit aus dem Kontrollbereich der CWG verbannt, durfte allerdings nach nur zwei Monaten zurückkehren, weil man ohne ihn total aufgeschmissen war. Damals kriselte es ziemlich zwischen der UNO und der CWG; man redete sogar von Krieg... Leider versöhnte man sich wieder, aber Frej durfte trotzdem bleiben."

"Wieso ‚leider’?"

"Weil wir euch mit Sicherheit besiegt hätten! Nicht böse gemeint, ehrlich..."

"Oh, keine Sorge. Deine Spezies wünscht sich ja nur den Tod sämtlicher 26 Milliarden Menschen. Geht in Ordnung."

"Gut", meinte Olak erleichtert. Wie viele andere Cheldroniis auch war er gegen Sarkasmus immun.

"Woher weißt du überhaupt so gut Bescheid über diesen Fry?"

"Frej. Naja, er ist mein Bruder. Ich habe euch doch von ihm erzählt, oder?"

"Jaaa...." meinte Doyle gequält; er erinnerte sich vage daran, wie Olak ihm ab und zu –so alle vier Minuten- leicht stupste und dann über irgendwas redete. Meistens hörte er einfach nicht hin.

Er sah zu Li herüber, die den gleichen verlegenen Gesichtsausdruck hatte. In dem Moment kam Hassa wieder ins Zimmer herein.

"Freunde! Ich habe eine Idee, wie wir unsere prekäre Finanzlage auf vollkommen sichere Weise verbessern können!"

"Hassa, wir werden keinen Politiker entführen und Lösegeld fordern! Wieso versuchst du es überhaupt noch? Jedes Mal, wenn uns das Geld ausgeht, willst du einen Politiker entführen! Das ist krank, Mann, äh, Echse!"

Hassa dachte nach. "Und wenn wir nur einen kleinen Politiker entführen? Einen Gesundheitsminister, oder so..."

"NEIN! Warst du eigentlich schon jemals beim Arzt wegen diesem Entführungstick?" fragte Doyle ärgerlich.

"Äh... Ja. Aber nur einmal."

"Und?"

"Hab ihn auch entführt. Ha, sie haben mich nie erwischt! Mal nachdenken... was ist aus diesem Idioten eigentlich geworden... Oh..." Er erbleichte.

"Entschuldigt mich. Ich glaube, meine Vergangenheit holt mich gerade ein..."

Mit diesen Worten rannte er davon. Doyle schüttelte den Kopf. Seine Crew bestand aus einem rosa, eiförmigen Dummkopf, einer Echse mit merkwürdiger Vergangenheit, die sich als Winkeladvokat und Finanzberater versuchte, sowie einer attraktiven jungen Japanerin mit dem Temperament einer tollwütigen Schildkröte (Glauben sie mir: wenn die Viecher nur etwas schneller wären, würde es von abgebissenen Fingern nur so wimmeln.). Dann war da noch er: ein alter Seebär (obwohl er das Meer eigentlich hasste und erst 38 war) mit einem gestörten Verhältnis zu seinen Eltern, nebenbei die Führer einer der reichsten und mächtigsten Adelsfamilien ganz Großbritanniens. Seine Eltern hätten ihm das Geld mit Sicherheit gegeben. Und genau das war das Problem. Sich das Geld schenken zu lassen hätte Schwäche bedeutet. Und was Schwäche anging, hatte die Doyle-Dynastie sehr altmodische Vorstellungen...

"Doyle?"

"Hmm?"

"Wir fliegen jetzt am Snickers vorbei. Nur falls es dich interessiert..." meinte Olak hoffnungsvoll.

"Erstens heißt es Mars, und zweitens werden wir nicht in New Vegas landen. Wir haben kein Geld, falls es dir noch nicht aufgefallen sein sollte. Verstehst du?"

"Nein."

"Olak, halt die Klappe und sag Hassa, er soll jetzt kochen."

"Was willst du?"

"Was haben wir denn da?"

"Nun ja. Da wären: zwei Scheiben Toast, eine Tube Senf sowie eine halbe gardasianische Gurke. Du weißt schon, diese gesprenkelten knubbligen Dinger, von denen euch letztes Mal so schlecht geworden ist..."

"Na schön, na schön! Mir reicht es jetzt! Wir landen! Bist du jetzt zufrieden, Olak?"

"Nein."

Doyle seufzte und stand auf. Dann ging er zu einem kleinen Spind, auf dem "NICHT ÖFFNEN! IM ERNST! TU’S NICHT!" stand, öffnete ihn und holte ein Yo-Yo heraus. Anschließend gab er es Olak.

"Und jetzt?"

"Mal sehen." Dann hüpfte Olak davon, Doyle setzte sich und lächelte zufrieden.

Eine Minute später hörte er Glas klirren. Das einzige Glas auf einem Raumschiff sind entweder Computerbildschirme, Gläser... ...oder Fenster.

Irgendwo in der sogenannten "Roten Wüste" in New Nevada, Mars...

Stimmen.

"Verflucht noch mal, Olak, wir können von Glück reden, das wir schon im Orbit waren! Du und deine verfluchten Yo-Yos! Ich weiß schon genau, weshalb ich sie dir immer wegnehme!"

"Es ist ja wohl kaum meine Schuld, wenn diese Dinger immer gegen zerbrechliche Gegenstände fliegen!"

"Gilt meine Ex-Frau als ‚zerbrechlich’ ?" zischelte Hassa wütend in Richtung Olak.

"Nun ja... aber sie hat dich nicht deswegen sitzen gelassen." meinte Olak zögernd.

"Nein, sie hat mich verlassen, weil ein gewisser rosa Eierkopf sie einmal im Generatorraum mit dem Atomantrieb eingeschlossen hat!" "Ein Versehen, mehr nicht. Und ich finde, der zusätzliche Arm stand ihr gut. Tja... bis er angefangen hat zu reden, natürlich."

"Wer ist alles dafür, dass Olak vom Schiff auf ewig verbannt wird?" Vier Hände zeigten nach oben. Hassa neigte sich leicht zu Olak hinüber und flüsterte ihm etwas ins Ohr, woraufhin Olak die Hand wieder senkte.

"Gut. Olak, du warst ein gutes und treues Mitglied unserer Crew..."

"Echt?" fragte Olak erstaunt.

"Nein, und jetzt Klappe. Also... Olak Kaleos Torkos Demonos, ehemaliges Maskottchen der wahrscheinlich ebenfalls ehemaligen Greenvalley, wir wollen dir den Abschied leicht machen..."

"Danke."

"...indem wir dir eine Minute Vorsprung geben. Dann werfen wir mit Steinen nach dir."

"Oh. Aber... ich glaube, ihr habt etwas übersehen."

"Und was, bitteschön?"

"Das Schiff gehört mir. Das habt ihr übersehen."

Doyle schnappte nach Luft. "Erst lässt du es abstürzen, dann behauptest du..."

Hassa stand hüstelnd auf. Dann holte er aus den unergründlichen Tiefen seiner Aktentasche einen zerfledderten, fleckigen Wisch heraus und las mit bürokratischer Unerbittlichkeit vor:

"Die Unterzeichner dieses Vertrages stimmen hiermit...’ Fleck. ‚...dass Olak Kaleos Torkos Demonos (Cheldronii)…’ Brandfleck. ‚... des Frachtschiffs ‚Greenvalley’ wird, wenn...’ Gebissförmiges Loch. ‚...Demonos die Schulden der Crew tilgt.’ Anschließend folgt die Unterschrift der Crewmitglieder, inklusive meiner Wenigkeit..." Er seufzte. "... wobei ich feststelle, dass offensichtlich jemand mehrere Male versucht hat, den Vertrag zu vernichten..." Li erbleichte.

"W... wer könnte denn so etwas versuchen...?" meinte sie unschuldig.

"Wellensittiche", brummte Olak finster. "Verdammte Mistviecher. Mein Onkel ist einem von ihnen zum Opfer gefallen. Daher kommen wahrscheinlich auch die Brandspuren, denn jeder weiß doch, dass diese Missgeburten Feuer spucken können!"

"Wellensittiche? Ich kann sie zwar auch nicht leiden, aber wenn ich mich nicht irre, sind Wellensittiche doch kleine zwitschernde Hausvögel..." antwortete Doyle verblüfft.

"Ha! Eure vielleicht..." meinte Olak bitter.

"Genau! Wellensittiche! Warum sind wir nicht gleich darauf gekommen?" rief Li nervös.

"Na schön... Olak darf bleiben." Olak, dem gerade erst bewusst wurde, was für eine Macht er besaß, warf gleich ein: "Captain Olak, bitte!" Doyle achtete nicht auf ihn.

"Und was machen wir jetzt mit dem Schiff? New Vegas ist fast 20 Kilometer entfernt, und die nächste andere Stadt wäre Tennerville, die haben aber kein Schiffsdock für Schiffsreparaturen."

"Ich denke mal, alles ist besser, als die Nacht hier in der Wüste zu verbringen..." erwiderte Hassa fröstelnd.

Viele Wissenschaftler und Politiker erhoffen sich viel von dem sogenannten "Terraforming", bei dem ein Planet , wie der Name schon sagt, zu einem Planeten der Terra-Klasse "umgeformt" wird.

Auch beim Mars wurde dies vollzogen (besser gesagt: im Herbst 2096), mit recht guten Ergebnissen. Wer jetzt allerdings hofft, eine zweite Erde wäre damals entstanden, wird enttäuscht. Auch jetzt, mehr als 400 Jahre danach, ist der Mars immer noch größtenteils eine rote Steinwüste. Doch wurde er wenigstens für Menschen bewohnbar; Sauerstoffatmosphäre, ein wenig Wasser (beides durch Schmelzen der Pole erreicht), und sogar einige mehr oder weniger einheimische Lebensformen. Wer hier jetzt Marselefanten oder ähnliches erwartet, wird ebenfalls enttäuscht. Durch genetische Manipulation konnten zwar die wenigen gefundenen Marsbakterien zu "richtigen" Lebewesen mutiert werden. Diese jedoch sind höchstens so groß wie gewöhnliche Haushunde, und sehen aus, als wäre ihr Inneres nach außen gekehrt worden. Aus unerfindlichen Gründen benannte man diese Wesen nach der griechischen Göttin der Schönheit Aphrodite, nämlich "Aphrodit-Tierchen". Zwar sind sie als Haustierchen eher unbeliebt, sind jedoch in der Industrie sehr nützlich, da ein Sekret, welches von ihnen eher nebenbei hergestellt wird, in der Pharmaindustrie als Anti-Allergikum genutzt wird. Nur wenige scheinen jedoch begreifen zu wollen, dass die Allergien häufig eben durch die Aphrodit-Tierchen entstehen... aber sie sehen lustig aus, geben komische Töne von sich und stören niemanden sonderlich, also ###### drauf.

Übrigens: nach Meinung zahlreicher Wissenschaftler der New Vegas-Akademie "für einheimische Geologie, Flora, Fauna und dieses andere Gekröse" wird das Terraforming des Mars in etwa 2350 Jahren abgeschlossen sein; also 4754...

Zum Glück für die Crew der Greenvalley waren sie in der Nähe der Route 66 1/2, der meistbefahrenen Straße von ganz Hellas Planitia, das einzige Gebiet auf dem ganzen Mars, wo Wasser nicht nur in Form von Eis zu finden ist (manchmal ist es sogar richtig flüssig! Stellen sie sich das mal vor!). Hier standen sie jetzt, und versuchten sich als Anhalter. Olak schlug vor, sie sollten sich beim "Clinton’s Palace", dem größten Kasino New Vegas’ treffen, sollten sie getrennt werden.

"Wer nimmt schon vier Mitglieder dreier grundverschiedener Spezies mit, die sich gegenseitig nicht ausstehen können? Wir sollten uns aufteilen, so haben wir bessere Chancen." meinte Olak altklug.

"Aber wer will dich schon mitnehmen...?" fragte Li spöttisch.

"Niemand. Ich fühle mich hier gaDasswohl! ( Schweine oder Säue sind bei Cheldroniis nicht bekannt, weshalb dieses Kunstwort entstand, dass übersetzt "verflucht wohl" bedeutet. Nach Meinung einiger Übersetzer bedeutet es auch "Streift ihm die Haut von den Knochen!", je nachdem, wie man es betont.) Der Sand, die Wärme...

UldGa Reted GARWATT!!! Hier gibt es sogar niedliche Aphrodit-Tierchen! Komm her, komm..."

Während Olak also versuchte, sich die für gewöhnlich äußerst schläfrigen Tierchen zum Freund zu machen, standen die anderen drei in jeweils hundert Meter Entfernung am Straßenrand und winkten. Li wurde aufgrund gewisser Umstände (eigentlich hauptsächlich wegen ihres Aussehens) sofort mitgenommen von einem offensichtlich reichen, jungen, gutaussehenden, charismatischen Mann. Doyle brauchte nur eine Sekunde, um ihn sofort zu hassen. Hassa hatte weniger Glück. Er durfte bei einem Hippie-Paar mitfahren, dessen Minivan bereits eine kleine Rauchfahne hinter sich herzog. Doyle wollte nicht allzu genau über den Ursprung dieses weißen Rauches nachdenken.

Er selbst hatte wieder mal das größte Pech. Ein Bauer von den in der Nähe gelegenen hydroponischen Farmen nahm ihn mit, bestand allerdings darauf, er solle auf der Ladefläche Platz nehmen.

"Wo soll’n sonst Greg sitz’n?"

"Greg?"

"Na, hier! Is ja wohl kaum zu übersehn, der Kerl, oder?"

Doyle sah noch mal genauer hin. Und tatsächlich, da lag ein kleiner fussliger Ball auf dem Sitz, der sich bei noch genauerer Untersuchung (inklusive Biss von Seiten des Balls) als kleiner Hund entpuppte. Von der Bösartigkeit her gesehen war er allerdings größer als ein Pitbull, wie Doyle schon festgestellt hatte.

Eine kurze, eine etwas längere und eine sehr lange Zeit später...

Li war schon nach zehn Minuten in New Vegas, in der Tasche die Telefonnummer des jungen Mannes; Hassa war erst nach einer Viertelstunde dort, weil der Minivan der Hippies unterwegs immer wieder leicht muckte; und Doyle erreichte die Stadt erst nach drei Stunden, weil Greg erst sämtliche Farmen der näheren Umgebung abklappern wollte (Bauer: "Wie bitte, Greg? Du willst einen Ausflug machen? Na schön, Greg, aber nur, wenn du dann aufhörst zu maulen.") und dabei Doyle, der unterwegs eingeschlafen war, vollkommen vergessen hatte.

"Hallo, Leute... wart ihr schon im Casino?"

Li nickte grinsend mit dem Kopf, während Hassa einen demütigen und ehrfürchtigen Eindruck machte:

"Der Priesterherzog Garen hat vor 130 Jahren Glücksspiel als Sünde gebrandmarkt, auf die eine Strafe von 123 Jahren, 4 Monaten, 2 Wochen, 17 Tagen ewiger Verdammnis steht."

"Wie kann sie ewig sein, wenn sie zeitlich begrenzt ist?" fragte Li neugierig.

"Du stellst schon wieder mein gesamtes Glaubenssystem in Frage! Jahrtausendelang haben Milliarden von Dracil die Gesetze und Gebote dieser Religion befolgt, ja, manche sind dafür sogar gestorben! Als Märtyrer!! Und du schaffst es, mit einer einzigen Frage diesen ganzen Glauben ins Wanken zu bringen!!" schrie Hassa wütend mit den Armen fuchtelnd.

"Ich sage ja nicht, dass er dumm ist oder so... ich frage mich bloß..."

"Lalalalala! Ich hör dir nicht zu! Lalalalala!" Danach folgte das gesamte 46 Strophen umfassende Glaubensbekenntnis der Dracil, von dem normalerweise nur die ersten sechs Strophen gesungen wurden.

"Und wo ist Olak?" fragte Doyle entnervt Richtung Li.

"Keine Ahnung. Wahrscheinlich hängt er immer noch bei den Aphrodit-Tierchen herum."

"Hm... habt ihr wenigstens das Raumschiffdock gefunden?"

"Ja, und wir haben auch schon den Preis für die Reparatur..."

"UND?"

"Tja, du wirst nicht sehr glücklich darüber sein..."

"WIEVIEL?"

"120.000 Veganische Dollar, oder 274.000 Amerikanische Dollar." kam die Antwort prompt.

"Wer kommt überhaupt auf die Idee, eine Währung ‚Veganischer Dollar’ zu nennen? Soviel ich weiß, essen die Leute hier hauptsächlich Rindfleisch..."

Doyle beachtete sie allerdings gar nicht. Er ging langsam zu einem in der Nähe stehenden Bankautomaten, zückte seine Bankkarte und drückte einige Tasten. Dann ging er ohne eine Miene zu verziehen zurück zu Li.

"W... was hast du gemacht?"

"Nichts weiter. Ich habe gerade nur die bescheidene Summe von 274.000 Amerikanischen Dollar von dem Konto der britischen Adelsfamilie Doyle abgehoben, welche zufällig sehr nah mit mir verwandt ist." Er hatte nie von seinen reichen Eltern erzählt, weil er fürchtete, sie könnten nicht verstehen, warum er kein Geld von ihnen wollte. Zu Recht, wie er jetzt merken musste.

"Du... du hast eine reiche Familie? Adlig? Verflucht, Arkleus, warum hast du das nicht früher gesagt?" Achtung, sagte sich Doyle. Li sprach ihn nur mit seinem vollen Vornamen an, wenn sie wirklich wütend war.

"Seit Jahren stehen wir kurz vor dem Bankrott, und du hast eine Millionen schwere Familie? Die Doyles... Mann, darauf wäre ich nie gekommen... ich meine, es gibt Millionen Doyles im Sektor! Du und..." Dann wurde sie wieder etwas umgänglicher.

"Egal. Los, heb noch mehr ab! Wir reparieren die Greenvalley nicht, wir kaufen uns gleich einen Raumkreuzer! Vergoldet! Mit Diamanten besetzt..." Li achtete bereits nicht mehr richtig auf ihn, als Doyle sie aus ihren Träumen riss.

"Erstens: ja, meine Familie- meine Eltern, um genauer zu sein- ist reich; was nicht bedeutet, dass sie mit Geld um sich werfen können. Und zweitens erlauben sie mir nicht, ihr Geld zu nehmen, weil ich selbstständig sein soll." Er log Li eher ungern an, doch in diesem Fall war es unvermeidlich. Wie sollte sie verstehen, das dies ein Beweis seiner Schwäche war? Leute wie sie gingen einfach durchs Leben, ohne sich Sorgen um ihren gesellschaftlichen Status zu machen. Nun, auch Doyle kümmerte sich wenig darum, was über ihn gesagt wurde. Was nicht bedeutete, das es ihn überhaupt nichts kümmerte. Während Doyle vor sich hin philosophierte, kam Hassa gerade bei der letzten Strophe an ( "...nun preiset den Schöpfer; danke, dass sie unseren Gottesdienst besucht haben, wir lassen jetzt den Klingelbeutel herumgehen. Spenden sind gerne gesehen. Gelrim ist der Herr!").

"Na, endlich fertig?"

"Lach mich ruhig aus, Li, lach mich ruhig aus. Ich werde schließlich nicht in alle Ewigkeit in der Hölle schmoren, sondern weiterhin Gelrim dienen können."

"Du meinst 123 Jahre, 4 Monate..."

"Klappe."

Wieder in der Wüste.

Olak hatte wirklich versucht, sich die einheimischen Lebensformen zum Freund zu machen. Anscheinend war das ziemlich in die Hose gegangen, denn Olak hing jetzt in einem dürren Baum, wahrscheinlich der einzige in hundert Kilometern natürliche Baum überhaupt, umringt von einer riesigen Horde aus wütenden, Zähne fletschenden Aphrodit-Tierchen. Es hatte alles ganz ruhig angefangen. Er streichelte sie ein wenig, unterhielt sich mit ihnen über Politik und den neuesten Klatsch (wobei die Aphrodit-Tierchen nur schlaff herum lagen und ihn ohne großes Interesse anstarrten) und spielte "Hol’s Steinchen" mit ihnen (auch hier lagen die Tiere unverändert herum).

Dann machte er einen großen Fehler, indem er versuchte eine der Kreaturen zu reiten. Das Aphrodit-Tierchen sprang auf, starrte ihn entsetzt an und gab einen heulenden Ton von sich. Anscheinend war das ein Warnton, denn auf einmal schienen sämtliche Aphrodit-Tierchen der näheren Umgebung auf ihn zuzurennen, zum Angriff bereit.

Wer sich ein Cheldronii betrachtet, hat wahrscheinlich den Eindruck, dieses Wesen könnte sich nur sehr langsam fortbewegen.Doch dieser Eindruck täuscht. Zwar bewegen sich Cheldroniis normalerweise eher schwerfällig. Doch wie es schon in dem Sprichwort heißt, verleiht ihnen die Angst regelrecht Flügel: die Geschwindigkeit, die Olak bei der Flucht vor den Aphrodit-Tierchen hinlegte, stand der von jagenden Geparden in nichts nach.

Als er den Baum erreichte, schwang er sich einfach hoch, die schmerzenden Muskeln nicht beachtend. Doch jetzt hatte er ein anderes Problem: wie sollte er wieder herunterkommen und an den wütenden Kreaturen vorbeikommen? Dieses Problem erledigte sich von selbst, denn der Ast, auf dem Olak saß, brach auf einmal, und er stürzte in die Tiefe den "Bestien" entgegen. Er wunderte sich über die weiche Landung, bis er merkte, dass er auf einem ziemlich verwirrten Aphrodit-Tierchen gelandet war.

Anscheinend war dieses der Führer der Herde, denn als es losgaloppierte folgten ihm alle anderen. Durch einen merkwürdigen Zufall ritt Olak genau auf New Vegas zu, auch wenn er das nicht wusste. Steuern konnte er das Tier nicht; dazu war es zu verwirrt. So steuerte die gesamte Herde auf New Vegas zu, einschließlich anderer Herden, die durch den Stampede-Effekt alle mitrannten...

Währenddessen ganz in der Nähe von New Vegas.

Jeff Brooks, Besitzer der Wallaby-Farm, saß zusammen mit seinem Hund Greg auf der Veranda seiner Farm und redete mit ihm über den komischen Kerl, der vorhin bei ihnen als Anhalter mitgefahren hatte.

"Lästiges Pack, diese ganzen Außermarsianischen. Die von der Erde sind die schlimmsten, glaub mir. Allesamt arrogant und korrupt, besonders die Politiker. Die Erdlinge sind so dermaßen korrupt, dass man ihnen angeblich nicht die Hände schütteln soll. Verstehste? Weil se so schmierich sind! Haha!" Greg beachtete ihn gar nicht erst. Er wusste, dass der Teil seines Herrchens, der mit ihm sprach, nichts mit dem Teil zu tun hatte, der ihn fütterte: also war er nicht interessant für ihn. Er war jetzt bald 18- bei den Nachbarshunden galt er als Methusalem-; er hatte besseres zu tun. Z.B. schlafen, essen, schlafen, essen... Plötzlich hob er den Kopf. Er hatte etwas gehört, sein Herrchen anscheinend auch.

"Was zum Teufel... verflucht, das scheint ein Sandsturm zu sein. Greg, geh rein, und verriegel die Fenster... Oh. Dann geh eben einfach nur rein, okay?" Greg raste ins Haus und versteckte sich unter dem Esstisch, während Jeff sich um die Fenster kümmerte. Dann merkte er, dass irgendetwas an diesem Sandsturm komisch war; er hörte lautes Getrampel und ein merkwürdiges Heulen. Das klang fast wie nach einem wütenden Aphrodit-Tierchen...

Da war noch etwas anderes: eine Stimme, ziemlich hoch; nicht menschlich. Plötzlich erkannte er, dass der Sandsturm sich ihm näherte. Er rannte so schnell wie möglich ins Haus, verschloss die Tür und versteckte sich ebenfalls unter dem Esstisch.

"Keine Sorge, Greg. Egal ob Sandsturm oder wütendes Aphrodit-Tierchen: solange wir im Haus bleiben, sind wir si..."

Nach einer Weile wachte Jeff wieder auf. Verwirrt sah er sich um, nach Greg suchend. Da saß er, auf den Trümmern des Hauses sitzend. Greg war mindestens so verwirrt wie er.

"Mein Gott... was war das? Ein Meteorit?" Dann sah er nach unten. Er sah einige Aphrodit-Tierchen-Spuren, die sich von einem Ende des Horizonts bis zum anderen erstreckten, besser gesagt vom Outback bis nach New Vegas. Er dachte noch mal nach. Er hatte etwas gehört, kurz bevor er ohnmächtig... getrampelt? Ja, anscheinend wurde er ohnmächtig getrampelt... jedenfalls, Jeff hatte etwas gehört, und zwar diese merkwürdige hohe Stimme, wie sie etwas rief:

"OhneinohneinOHNEINONEINHALTANNEEEIN!!!" Dann krachte es, und er verlor das Bewusstsein. Er sah nach New Vegas.

"Greg? Komm mit. Wir fahren in die Stadt", sagte er grimmig. Der Hund zögerte erst, dann folgte er ihm. Wer so blickte, war zu allem fähig.

Besonders, wenn mehrere tausend hässliche, verwirrte und vor allem stinkende Lebensformen über ihn drübergetrampelt sind.

 

(c) 2000 F. Hartl



Print  Top Letzte Aktualisierung: 18.03.2003